Samstag, April 8

Macht das Sinn?

Seit einigen Jahren macht sich im deutschen Sprachraum eine Phrase breit, die auf die uralte Frage nach dem Sinn eine neue Antwort zu geben scheint. Offensichtlich entstammt die Phrase "Sinn machen" dem Englischen: sie ist eine wörtliche Übersetzung der Redewendung "to make sense“ und gehört zu den unerquicklichen neudeutschen Sprachverunstaltungen. Denn „macht Sinn“ läuft täglich auf allen Fernsehkanälen, trällert aus allen Radiostationen: Denglisch feiert ungeahnte Triumphe, grammatischer Unsinn „macht“ plötzlich Sinn.
Das Wort „machen“ kommt ohnehin schon häufig genug vor in unserer deutschen Sprache, ja, Deutsch ist sozusagen die Sprache des Machens und der Macher. Das fängt schon früh an (den ersten Schrei machen) und endet mit dem Tod (den Abflug machen). Zwischen Geburt und Tod „machen“ wir die erstaunlichsten Sachen: einen guten (oder schlechten) Eindruck, einen Anfang oder Abschluß, einen Schritt nach vorn, das Frühstück oder das Mittagessen, sich selbst ins Hemd und andere zur Schnecke, drei Kreuze und Handstand, sogar Unsinn – nur keinen „Sinn“! Man kann den Sinn suchen, finden, erkennen, verstehen, aber er läßt sich nicht im Schnellverfahren erschaffen wie eine Semmel oder die Bild-Zeitung. Denn: Eine Sache hat Sinn, oder sie hat keinen.
Zugegeben: Die Phrase kommt vielen, besonders den Politikern, wie gerufen, denn sie hört sich doch höchst cool-modern und zupackend zugleich an. „Das macht Sinn“ ist hervorragend geeignet, um über eine fehlende Kompetenz hinwegzutäuschen und von politischen Mißständen abzulenken. Und: Wer möchte nicht gern ein „Macher“ sein mit hohem Ansehen in der Bevölkerung und in ehrenwertem Ruf stehend, seinen Worten Taten folgen zu lassen! Dabei ist es völlig gleich, was er macht, entscheidend ist, daß er etwas macht. Wer weiß, vielleicht hängt das „Sinn-Machen“ auch mit dem Ur-Wunsch des Menschen zusammen, es Gott gleich zu tun und (Wort)-Schöpfungen hervorzubringen, d. h. wenigstens einen „Sinn zu machen“.
Wahrscheinlich steht in zehn Jahren „das macht Sinn“ im Duden („Richtiges und gutes Deutsch“). Hurra, wir haben es wieder einmal geschafft! Die Freunde der Anglizismen können frohlocken.
Wie sagte doch Kurt Tucholsky so richtig: „Neben manchem andern sondern Menschen auch Gesprochenes ab. Man muß das gar nicht so wichtig nehmen.“
kahera